Lucas Schäfer zwischen Nationalteam, Worldmasters und Coastal-EM
Marburg/Bled. Die Saison führte Lucas Schäfer auf einige der bekanntesten Ruderstrecken Europas. Von München und Leipzig über Amsterdam und Henley bis zu den Worldmasters in Bled, der größten Ruderregatta der Welt. Zwischen dem Traum vom Nationalteam, einer knapp verpassten Qualifikation und neun Siegen in Slowenien erlebte der 32-Jährige eine Saison, die kaum abwechslungsreicher hätte sein können.
„Natürlich war die Nationalmannschaft mein großes Ziel. Wenn am Ende nur wenige Zehntelsekunden fehlen, ist die Enttäuschung zunächst groß. Gleichzeitig hat es mir gezeigt, dass ich auf diesem Niveau konkurrenzfähig bin“, sagt Schäfer.
Neun Siege in Bled
Die World Rowing Masters Regatta ist die inoffizielle Weltmeisterschaft der Masters-Ruderer und zugleich die größte Ruderregatta der Welt. In diesem Jahr gingen mehr als 4.700 Athletinnen und Athleten aus 51 Nationen in unterschiedlichen Altersklassen an den Start. Eigentlich war die Reise nach Slowenien als lockerer Saisonabschluss geplant. Nach Monaten voller Wettkämpfe wollte Schäfer noch einmal ohne großen Druck Rennen fahren und die Freude am Rudersport genießen. Doch aus dem geplanten Saisonausklang wurde ein erfolgreichster Wettkämpfe. Bei der World Rowing Masters Regatta am Lake Bled gewann der Marburger neun seiner zehn Rennen. Schäfer war erfolgreich im Achter, im Vierer und im Doppelzweier.
„Bled war in meiner Saisonplanung als Motivation gedacht. Nach den vielen intensiven Rennen in diesem Jahr wollte ich noch einmal möglichst oft ins Boot steigen und die Freude am Rudern genießen. Dass am Ende neun Siege dabei herauskommen, hätte ich vorher nicht erwartet.“
Der Traum vom Nationalteam – Leitwolf im DRV-Vierer
Der Grundstein für die Saison wurde bereits im Frühjahr gelegt. Bei der Deutschen Kleinbootmeisterschaft stellte sich der Marburger der nationalen Konkurrenz und empfahl sich für weitere Aufgaben im Leistungssport. Anschließend berief ihn der Deutsche Ruderverband als Schlagmann in einen jungen Vierer ohne Steuermann. Dort übernahm der erfahrene Ruderer die Rolle des Taktgebers und Leitwolfs einer Mannschaft, die sich auf internationalem Niveau beweisen sollte.
Der Vierer sammelte im Laufe des Sommers wertvolle Erfahrungen den renommierten Regattastrecken Europas. Bei der Internationalen Ratzeburger Ruderregatta erreichte die Mannschaft das A-Finale und traf dort unter anderem auf die deutsche U23-Nationalmannschaft.Besonders erfolgreich verlief die Holland Beker Regatta in Amsterdam. Auf der Bosbaan gewann Schäfers Crew an beiden Regattatagen die Bronzemedaille. Bereits im Vorlauf gelang ein Sieg gegen ein australisches Boot. Auch im Finale behauptete sich die Mannschaft gegen starke internationale Konkurrenz und sicherte sich Rang drei. Wenig später folgte mit der Henley Royal Regatta einer der prestigeträchtigsten Wettbewerbe des internationalen Rudersports. Auf der traditionsreichen Strecke an der Themse kämpfte sich der Vierer bis ins Viertelfinale vor.

Vielseitigkeit als Stärke – Sportförderung als Chance
Trotz starker Leistungen blieb der große Traum zunächst unerfüllt. Bei der entscheidenden Qualifikation für die Nationalmannschaft fehlten nur wenige Zehntelsekunden.
„Wenn man ein ganzes Jahr auf diesen Moment hinarbeitet, tut das natürlich weh. Aber ich habe auch gesehen, dass ich mit den Besten mithalten kann. Das motiviert mich, weiterzumachen.“
Für Schäfer ist diese Einschätzung Bestätigung und Ansporn zugleich. Denn auch wenn der Sprung ins Nationalteam in diesem Jahr noch nicht gelang, zeigen die Leistungen und Rückmeldungen der vergangenen Monate, dass er sich auf Augenhöhe mit der nationalen Spitze bewegt. Statt aufzugeben, richtete der Marburger den Blick nach vorne. Die Rahmenbedingungen haben sich für den Olympiateilnehmer im Jahr 2026 deutlich verbessert. Während Schäfer seine sportlichen Ambitionen im vergangenen Jahr noch parallel zum Polizeidienst verfolgen musste, gehört er seit Februar der Sportfördergruppe der Polizei an und ist für seine sportliche Entwicklung freigestellt.
„Zum ersten Mal habe ich die Möglichkeit, mich vollständig auf Training, Regeneration und Wettkämpfe zu konzentrieren. Das ist ein Privileg, das ich nicht als selbstverständlich ansehe.“
Die Ergebnisse der vergangenen Monate zeigen bereits, welchen Unterschied diese Möglichkeit machen kann. Neben dem klassischen Rudersport hat sich für Schäfer inzwischen eine zweite Disziplin etabliert: das Coastal Rowing. Anders als auf der Regattabahn wird dabei auf offenem Wasser gerudert. Wind, Wellen und anspruchsvolle Kursmanöver gehören zum Wettkampfalltag. Bereits 2025 gewann Schäfer mit dem deutschen Männer-Vierer den Europameistertitel im Coastal Rowing. Die Titelkämpfe besitzen in diesem Jahr eine besondere Bedeutung. Sie bieten ihm die Gelegenheit, seine außergewöhnliche Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen. Während andere Athleten sich auf eine Disziplin konzentrieren, bewegt sich Schäfer erfolgreich zwischen klassischem Rudern und Coastal Rowing. Im Oktober entscheidet die Kommission über die Fortführung seiner Förderung in der Sportfördergruppe für das Jahr 2027. Für Schäfer steht dabei mehr auf dem Spiel als eine organisatorische Entscheidung. Die positive Entwicklung des Marburgers wird auch innerhalb des Deutschen Ruderverbandes wahrgenommen. In einem Empfehlungsschreiben für die weitere Förderung hob ein Bundestrainer hervor, dass Schäfer die „Skills“ mitbringe, um sich im Elitebereich erfolgreich zu behaupten.

Der Verein hinter den Erfolgen
Trotz aller Erfolge verliert Schäfer seine Wurzeln nicht aus dem Blick.
„Der Marburger Ruderverein hat mich durch alle Höhen und Tiefen begleitet und nie hängen gelassen. Gerade in den Momenten, in denen nicht alles nach Plan lief, habe ich gespürt, wie wichtig gute Leute im Rücken sind.“
Wer nur auf die Ergebnisse schaut, sieht Medaillen, Siege und internationale Regatten. Doch Leistungssport besteht nicht nur aus Erfolgen. Es gibt Rückschläge, Zweifel und Momente, in denen der eigene Weg plötzlich infrage steht. Gerade dann war der MRV für Schäfer weit mehr als ein Sportverein. Er war Rückhalt, Konstante und sportliche Heimat. Darin liegt wohl auch ein Teil jener besonderen Atmosphäre, die Vorsitzender Daniel Riechmann mit einem Satz beschrieb, der vielen in Erinnerung geblieben ist:
„Manchmal scheint es, als habe jemand etwas Magie in diesen kleinen Fluss gestreut.“
Diese Magie zeigt sich nicht in Medaillen oder Pokalen. Sie zeigt sich in Menschen. Menschen, die an ihren Träumen und Ideen festhalten, Rückschläge überwinden und immer wieder den Mut finden, neu anzufangen. Neun Siege bei der größten Ruderregatta der Welt sind deshalb mehr als eine beeindruckende Statistik. Sie stehen für viele Jahre harter Arbeit, für Beharrlichkeit nach Enttäuschungen und für ein Umfeld, das seine Sportlerinnen und Sportler nie aus den Augen verloren hat. Mit der Coastal-Europameisterschaft und der Entscheidung über seine weitere Förderung stehen für Lucas Schäfer nun richtungsweisende Wochen bevor. Die Nationalmannschaft verpasste er in diesem Jahr nur um wenige Zehntelsekunden. Aufgegeben hat er seinen Traum deshalb nicht.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Geschichte dieser Saison. Nicht die Siege von Bled. Nicht die Medaillen und nicht die internationalen Regatten. Sondern die Tatsache, dass Lucas nach Rückschlägen immer wieder die Kraft findet, weiterzumachen.
Die Magie dieses kleinen Flusses besteht vielleicht nicht darin, Menschen zu Siegern zu machen. Sondern darin, sie immer wieder an ihre Träume leben zu lassen. Das nächste Ziel hat Lucas Schäfer bereits klar vor Augen: einen Platz im deutschen Nationalteam und der Traum von seiner zweiten Olympiade in Los-Angeles 2028.
Daniel Riechmann

